Die Deutschlehrerin bei Bauerfeind
Ewa Männel

Die Arbeitswoche von Ewa Männel ist streng getaktet: Montag und Dienstag unterrichtet sie immer in Gera, jeden Donnerstag und Freitag in Zeulenroda. Mittwoch ist Vorbereitungstag und sie kontrolliert Hausaufgaben. Ewa Männel ist seit August 2024 die Deutschlehrerin von Bauerfeind.
Ihre Schülerinnen und Schüler arbeiten allesamt bei uns, die meisten in der Produktion. Sie kommen aus 15 Nationen, darunter Syrien, Afghanistan und die Ukraine, aber auch aus der Mongolei, Jamaika oder Bulgarien. Die Jüngsten sind Anfang 20, die Älteren über 50 Jahre alt. Einige konnten in ihrer Heimat nur wenige Jahre in die Schule gehen. Andere haben einen Studienabschluss oder sogar zwei Berufe erlernt.
Die Kursteilnehmer werden nach ihren Sprachniveaus eingestuft. „Das ist wichtig, um allen auf ihr Können und ihre Fähigkeiten zugeschnittene Lerninhalte anbieten zu können. So ist keiner über- oder unterfordert“, erzählt Ewa Männel. Eine besondere Herausforderung für die Deutschlehrerin: Die Beschäftigten aus der Produktion arbeiten in unterschiedlichen Schichten. Da lassen sich die Unterrichtszeiten nicht immer in Einklang bringen.
Ewa Männel geht diese Aufgabe planvoll an und ist sich ihrer Verantwortung bewusst: Der Deutschunterricht bei Bauerfeind ist Arbeitszeit für die 90 Teilnehmenden. Ewa Männel unterrichtet die Kolleginnen und Kollegen einmal die Woche für 60 Minuten in Präsenz. Es gibt immer Hausaufgaben und regelmäßige Erfolgskontrollen. Jeder bekommt ein Kursbuch und ein Übungsbuch sowie Zugang zu einer digitalen Lernplattform. Ein Kursbuch besteht aus acht Kapiteln und nach jedem Kapitel gibt es einen Test. Außerdem führt Ewa Männel Feedbackgespräche. Schließlich sollen alle einmal das B1-Sprachnievau erreichen. Das heißt: Hauptinhalte verstehen, wenn eine klare Standardsprache verwendet wird und es um vertraute Dinge aus Arbeit und Alltag geht.

Bei Bedarf gibt Ewa Männel noch Einzelunterricht. Für sie gibt es nichts Schöneres, als Freude am Lernen zu vermitteln. Dabei ist sie bei Bauerfeind Lehrerin und Vertrauensperson zugleich: Sie fordert und fördert, macht klare Ansagen und überprüft die Lernfortschritte. Sie weiß, wer die Hausaufgaben immer macht. Sie kennt aber auch familiäre Hintergründe und die vielen Herausforderungen, die ihre Schützlinge tagtäglich meistern. Sie weiß, wer seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in sein zerstörtes Geburtsland reisen konnte und seine Familie vermisst. Sie weiß, wer vor dem Krieg flüchtete und sich um seine Angehörigen sorgt. Sie weiß, wer unter Heimweh leidet und täglich mit den Zurückgebliebenen zu Hause telefoniert.
Für viele ihrer Schülerinnen und Schüler ist Ewa Männel ein Vorbild: Sie hat es geschafft, die Sprache zu lernen, sich hier zu integrieren und ihr Herz für Deutschland zu öffnen. „Wir müssen das gemeinsam schaffen“, sagt Ewa Männel und betont, dass es ihrer Erfahrung nach nicht selbstverständlich sei, dass ein Unternehmen derart in die Integration ausländischer Beschäftigter investiert. Ihr und ihren Schützlingen ist bewusst, dass in der Unterrichtszeit andere Kolleginnen und Kollegen die Stellung halten. Umso mehr arbeiten alle daran, Erfolge zu liefern – und somit auch etwas zurückgeben zu können.
Über Ewa Männel
Ewa Männel ist 2002 nach München gekommen und hat an der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität transnationale Germanistik studiert. Die gebürtige Polin ist außerdem Betriebswirtin – und liebt Prüfungen. Aktuell lernt die 41-Jährige gerade Schwedisch, die Sprache vom Land ihrer Träume. „Wenn ich könnte, würde ich bis zur Rente studieren“, sagt die wissbegierige Mutter eines 6-jährigen Sohnes und verrät, dass sie noch vereidigte Übersetzerin für Polnisch ist: Am Oberlandesgericht Dresden wurde sie „öffentlich bestellt“, wie es im Amtsdeutsch heißt, und ist speziell für behördliche und gerichtliche Übersetzungen zuständig. In ihrer Freizeit erkundet Ewa Männel das sächsische Vogtland rund um Plauen, wo sie seit drei Jahren wohnt.