„Krisen sind auch immer Ereignisse, aus denen man was lernen kann“

Seit Januar ist Rainer Berthan Vorstandsvorsitzender der Bauerfeind AG – und sein erstes Jahr war alles andere als gewöhnlich. Im Nahtlos-Interview zieht der 56-Jährige eine erste Bilanz und nennt Schwerpunkte für 2021.
Die ersten Wochen in einem neuen Unternehmen stehen normalerweise ganz im Zeichen der Einarbeitung. Doch in diesem Jahr lief fast nichts „normal“. Wie haben Sie den Start erlebt?
Ich hatte mir das eigentlich anders vorgestellt, das ist schon richtig. Doch von dem Plan, sich das erste Halbjahr nach und nach in die Organisation, die Produkte, die Kunden und Auslandsgesellschaften einzuarbeiten, ist fast nichts übriggeblieben. Ich habe gerade noch Produktschulungen in der Akademie geschafft und einige Kundenbesuche in Deutschland. Dann wären eigentlich unmittelbar die ersten Auslandsgesellschaften dran gewesen, aber da ging dann schon nichts mehr. Außer den drei Gesellschaften Österreich, Schweiz und Benelux habe ich nicht viel vom Auslandsgeschäft gesehen.
Drei Wochen nach Ihrem Start hatten wir die IT-Störung und waren das erste Mal im Krisenmodus. Was ist Ihnen in dieser Situation aufgefallen?
Was da passiert ist, war schon ein bemerkenswerter Angriff auf unsere Unternehmenssicherheit. Durch das vorausschauende und kompetente Handeln der IT ist größerer Schaden erspart geblieben. Dann haben die Mitarbeiter – gerade in Produktion, Logistik und Kundenservice – die Rückstände, die sich da aufgebaut haben, sehr schnell wieder abarbeiten können, so dass die Kunden eigentlich fast nichts gemerkt haben. Das ist außerordentlich gut bewältigt worden!
Und dann kam schon Corona. Wie blicken Sie auf das Frühjahr?
Im Frühjahr ging es darum, im Unternehmen möglichst schnell die arbeitsrechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass man auch lange Durststrecken durchhalten kann. Kurzarbeit war bis dahin nie erforderlich gewesen. Wir haben innerhalb sehr kurzer Zeit von allen Mitarbeitern die dafür notwendige Vereinbarung unterschrieben zurückbekommen. Das hat mich gefreut, zeigt es doch, wie groß das Vertrauen in das Unternehmen ist. In meinen Augen sind wir insgesamt sehr planmäßig und koordiniert vorgegangen. Das war keine Ansammlung von Zufällen, sondern eine Vielzahl von Entscheidungen auf den verschiedensten Ebenen, die im Großen und Ganzen richtig getroffen wurden. Im Rückblick haben wir das viel besser überstanden, als ich es im April/Mai gedacht habe.
Worauf müssen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den kommenden Monaten einstellen?
Das erste Quartal 2021 wird auf jeden Fall noch voll von Corona beeinflusst sein. Ich denke, dass wir erst wieder im Frühsommer eine Erleichterung spüren werden. Vielleicht ist im Herbst 2021 durch Impferfolge halbwegs wieder ein normales Leben und Arbeiten möglich. Die richtige Normalisierung, würde ich für 2022 erwarten. Wie früh oder wie spät kann heute keiner sagen.
Wird dann das Arbeiten bei Bauerfeind „wie früher“, also alle zurück aus dem Homeoffice ins Büro?
Ich glaube nicht. Dann wären ja diese ganzen Erfahrungen, die wir jetzt gemacht haben, spurlos – man möchte fast sagen nutzlos – an uns vorbeigezogen. Krisen sind auch immer Ereignisse, aus denen man was lernen kann. Und wir haben eine ganze Menge gelernt über die Art und Weise, wie man vernünftig und erfolgreich zusammenarbeiten kann. Ich sehe da Chancen. Wir werden überlegen, wie die derzeit bestehende Arbeitsorganisation – bis zu einem gewissen Grad – fortgesetzt werden kann. Homeoffice ist etwas völlig Normales geworden und häufig gerade für Mitarbeiter, die weiter entfernt wohnen, eine sehr positive Ergänzung.
Ich möchte noch auf die soziale Komponente hinweisen, die mir sehr wichtig ist. Arbeit ist viel mehr als das Verrichten von Dingen. Es gibt das persönliche Gespräch in der Frühstückspause oder die Begegnung in der Kantine. In diesem Austausch, in dieser informellen Kommunikation, steckt sehr viel Zusammenhalt für eine Firma. Das bestimmt in hohem Maße die Qualität unserer Zusammenarbeit. Auch in Zukunft. Jetzt müssen wir versuchen, hier die richtige Balance zu finden zwischen dem Homeoffice und der Anwesenheit im Büro. Da spielt sicherlich eine Rolle, welche Aufgaben jemand hat und wir werden versuchen, zusammen mit den Mitarbeitern und ihren Vorgesetzten vernünftige Wege und Strukturen zu finden. Das ist uns in der Krise bisher gelungen, mit etwas äußeren Druck, warum sollte uns das in Zukunft nicht gelingen? Und dann glaube ich, dass es generell die Attraktivität unserer Firma erhöht, weil das für viele Leute ein positives Signal ist, wenn man bei Bauerfeind teilweise zu Hause und hier im Büro arbeiten kann.
Sie haben von Anfang an in der Krise verstärkt auf interne Kommunikation gesetzt. Warum?
Damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, worauf es ankommt, brauchen sie in meinen Augen schon ein Bild von den Zusammenhängen. Und aus dem Grund ist es wichtig, dass man ihnen durch gute interne Kommunikation die Chance gibt zu verstehen, was im Großen und Ganzen passiert.
Gab es bei Ihnen schon das Gefühl, bei Bauerfeind angekommen zu sein?
Ja. Aber es dauert eine Zeit bis die Seele nachkommt, wenn man gerade mal wieder den Ort gewechselt hat. Das ist ein Prozess und nicht jeden Tag gleich. Manchmal fahre ich nach Hause und bin der glücklichste Mensch, weil ich irgendetwas als ungeheuer positiv empfunden habe, es ist etwas gelungen. Und manchmal fahre ich nach Hause und finde es furchtbar, weil ich mich über irgendetwas schrecklich geärgert habe. Dazwischen gibt es auch alles. Das ist halt so. Ich würde mir nicht anmaßen, nach der relativ kurzen Zeit, die ich hier bin, zu sagen, dass ich jetzt die Bauerfeind-Kultur schon inhaliert habe. Das ist auch nichts, was man sich wie einen Mantel umhängen kann.
Woher nehmen Sie Ihre Ruhe? Sie wirken auch in Krisensituationen immer sehr ruhig und gefasst.
Weiß ich auch nicht (lacht). Ich denke da nicht drüber nach.
Was ist 2020 gelungen? Und was möchten Sie 2021 angehen?
Ich glaube, gerade die Krise in 2020 hat uns den Kunden in Deutschland wieder nähergebracht. Wir haben auf der einen Seite für unsere Fachhändler das Corona-Paket mit konkreten Hilfen in der Krisenzeit platziert. Dann haben wir unser BQP-System etwas vereinfacht und angepasst. Und wir haben b:joynz eingeführt. Das waren für mich drei positive Highlights. Auf der Strecke geblieben ist die Weiterentwicklung des internationalen Geschäftes. Das lässt sich nicht durch Videokonferenzen vermitteln und wird auf jeden Fall ein Schwerpunkt 2021 werden. Dazu kommt die Digitalisierung, die wir weiter vorantreiben werden.
Zur Person
Rainer Berthan war über 20 Jahre im Top-Management international agierender Unternehmen in Europa, den USA und in China aktiv, ehe er zu Bauerfeind kam. Erfahrungen in der Medizintechnik sammelte der Diplom-Betriebswirt zuletzt bei Dentsply Sirona, dem weltweit größten Hersteller von Dentalprodukten und Dentaltechnik. Rainer Berthan ist verheiratet und wohnt in München und in Zeulenroda. In seiner Freizeit wandert er, fährt gern Auto und liest sehr viel, meist Bücher über Wirtschafts- und Kulturgeschichte.