Annett Eckstein wird Näherin ohne Fachausbildung

Ausbildungsprogramm für Quereinsteiger

Als Annett Eckstein Anfang Oktober den Nähsaal der Keplerstraße 35 am Standort Gera betritt, ist sie aufgeregt. Knapp zwei Jahre hat sie nicht bei Bauerfeind gearbeitet. In Gera war sie bisher nur zum Vorstellungsgespräch – und heute wird sie zum ersten Mal an einer Nähmaschine sitzen. An ihrem neuen Arbeitsplatz. Hier wird sie ohne textile Vorbildung das Nähen lernen.

Vom Tresen an den Nähtisch

Als Annett Eckstein zuerst von der Idee hört, ist sie verwundert, immerhin hat sie noch nie genäht. Gleichzeitig erkennt sie ihre Chance. Denn die Geraerin arbeitete vorher in der Gastronomie, wechselte 2020 zu Bauerfeind in Zeulenroda als Mitarbeiterin für Montage und textiles Schweißen. Eine Schwangerschaft sorgte nach einigen Wochen dafür, dass sich die 32-Jährige zunächst auf Ihre Familie konzentrierte – bevor sie sich 2022 wieder bei Bauerfeind bewarb: „Mir gefiel es in Zeulenroda sehr gut, alle waren so hilfsbereit. Und ich schaffe gern etwas, was Anderen nützt. Deshalb wollte ich gern zu Bauerfeind zurück.“ 

Mit kleinem Kind kann Annett Eckstein die Arbeit im Schichtbetrieb allerdings nicht leisten. Lars Eulitz, Betriebsleiter in Gera, sieht dennoch die Chance auf eine erneute Anstellung, denn die Kolleginnen und Kollegen in Zeulenroda erinnern sich an die schnelle Auffassungsgabe und die Fingerfertigkeit von Annett Eckstein. Deshalb schlägt er den Einstieg ins Quereinsteiger-Programm vor. So hat Annett Eckstein die Möglichkeit, in einer Tagschicht von 7:00 Uhr bis 14:45 Uhr zu arbeiten.

Das Konzept der internen Näher-Ausbildung

Annett Eckstein wagt den „Sprung ins kalte Wasser“ und sitzt Anfang Oktober am Nähtisch inmitten ausgebildeter Näherinnen und Näher. Sie bekommt die ersten Handgriffe gezeigt – und legt einfach los. Ihre erste Aufgabe: Die Fußspitze der Kompressionsstrümpfe VenoTrain curaflow annähen. Hin und wieder bekommt sie Tipps von den hilfsbereiten Kolleginnen, die hinter und neben ihr an den Nähmaschinen sitzen. Belinda Hornke, die sich um die Ausbildung von Mitarbeitern und Azubis in Gera kümmert, unterstützt Annett ebenfalls. Die 27-Jährige hat selbst bei Bauerfeind gelernt und gibt ihre Erfahrung weiter. Die richtige Haltung, die Anordnung der Materialien auf dem Tisch oder das Tempo sind wichtige Faktoren, damit das Nähwerk gelingt.

Sechs Wochen lang wird Annett ihren ersten Arbeitsgang immer weiter perfektionieren, bis die Produktivität stimmt. Das ist die Anzahl an Fußspitzen, die sie in einer gewissen Zeit schafft. Nach sechs Wochen geht es dann an den zweiten Teil des dreimonatigen Ausbildungsprogramms. „In den folgenden sechs Wochen wird Annett dann lernen, die Oberkante von Kompressionsstrümpfen zu nähen. Und nach drei Monaten schauen wir gemeinsam, welcher Arbeitsgang noch zu ihr passt“, erklärt Belinda Hornke.

Nächster Schritt: Ausbildungswerkstatt

Das Quereinsteiger-Programm soll im kommenden Jahr ausgeweitet werden zu einer Ausbildungswerkstatt. Dafür wird eigens ein Raum in der Keplerstraße 35 eingerichtet, in dem an verschiedenen Maschinen und mit unterschiedlichen Materialien gelernt werden soll. „Für Bauerfeind wird es zunehmend schwieriger, ausgebildete Näherinnen und Näher zu finden“, erklärt Projektleiter und Fertigungsleiter Lymphologie Martin Gerhold die Beweggründe für das Projekt: „Deshalb setzen wir auf die interne Ausbildung. Das Potenzial, diese Aufgaben zu erfüllen, sehen wir auch bei motivierten Kolleginnen und Kollegen mit Fingerfertigkeit und Interesse am Nähen.“