5 Jahre tüfteln
Die Entwicklung der neuen LumboTrain-Pelotte

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die LumboTrain kaum von ihrem Vorgängermodell. Doch in den Tragetests hat sie im Vergleich um einiges besser abgeschnitten – dank neuer einzigartiger Pelotte mit drei Komponenten. Diese zu entwickeln, war für André Beck, Dominique Panzer und Robin Wöllner aus dem Bauerfeind-Innovationscentrum (BIC) besonders herausfordernd. Die drei Entwickler berichten über Technologie im Grenzbereich, über Irrwege und Glücksgefühle im Entwicklungsprozess.
Wie seid ihr an die Entwicklung der neuen LumboTrain-Pelotte herangegangen?
André: Wir haben uns zuerst gefragt, wie Physiotherapeuten Rückenschmerzen behandeln und haben uns dann neben der Muskulatur auch die Fasziensysteme und die Energieleitbahnen aus der traditionellen chinesischen Medizin angeschaut. Unser Ziel ist es, die Ursachen für den Schmerz zu verstehen und den Körper im positiven Sinne zu manipulieren. Bis wir auf die Idee mit der neuen Pelotte* gekommen sind, haben wir vieles ausprobiert und einige Irrwege eingeschlagen, um dann zu schauen: Was ist therapeutisch sinnvoll und was ist technisch möglich?
Was war das Herausforderndste?
Dominique: Definitiv die technische Herstellung! Da bewegen wir uns bei Medizinprodukten im Grenzbereich des seriell Machbaren. Das weiche Material der neuen Pelotte ist beim Verarbeiten in der heißen Phase fast flüssig. Das widerspricht dem klassischen Spritzgussverfahren, in dem man fast „Knete“ hat und die in eine Form schießt. Wir mussten schauen, dass sich keine Blasen und Fehlstellen bilden. Wir haben sogar eine Sondermaschine anfertigen lassen.
Robin: Diese Maschine zu konzipieren, hat sehr lange gedauert. Aber mit ihr können wir schnell und sparsam alle drei Komponenten fertigen, obwohl es sich um ein hochkomplexes Produkt handelt.

Links die alte Pelotte der LumboTrain, rechts die neue.

Robin Wöllner an der für die LumboTrain-Pelotte konstruierten Sondermaschine.
Wie entstehen eure Ideen?
Dominique: Wir hatten sieben oder acht Vorstufen der Pelotte. Das ist ein iterativer Findungsprozess. Oftmals kommt eine Idee quer rein, wenn man Nachrichten schaut.
André: …oder beim Autofahren oder beim Schlafen.
Dominique: Genau. Das entsteht einfach und braucht Zeit.
Ruft ihr euch auch direkt an?
André: Es passiert häufiger, dass wir mit einer „lustigen“ Idee früh um acht ins Büro des anderen stürmen. Dann machen wir meistens eine Handskizze. Manchmal schmeißen mich die Jungs von Werkzeugbau und Konstruktion erstmal wieder raus und sagen: „Du bist komplett irre!“ [lacht] Wir sind alle hartnäckig, stacheln uns gegenseitig an.
Was müsst ihr in Sachen Qualität beachten?
André: Natürlich unseren hohen Anspruch. Wir haben viele Tests im Labor gemacht, um zu checken: Was passiert bei verschiedenen Temperaturen? Was bei UV-Licht, Salzwasser, hoher Luftfeuchtigkeit? Und da die LumboTrain weltweit gefragt ist, haben wir von 60 Grad Außentemperatur und 90% Luftfeuchtigkeit bis minus 20 Grad alles Mögliche geprüft.
Dominique, wie gehst du bei der Materialauswahl heran?
Dominique: Hier waren mir die Materialien schon bekannt durch die Zweikomponenten-Pelotte der GenuTrain. Die Grundplatte kenne ich von der Pelotte der alten LumboTrain. So kann man wie bei Lego aus mehreren Bausteinen ein neues Produkt kreieren, ohne zu tief in die Trickkiste zu greifen. Uns ist wichtig, dass die Kollegen in der Produktion Freude haben, die LumboTrain zu fertigen. Natürlich hat nicht gleich alles geklappt. Da kam auch viel Quark raus. Gerade geht es noch um ein Düsenloch an der Maschine, das nicht zur Partikelgröße des Materials passt. Was passiert? Es verstopft. Erst wenn die Kollegen sagen: „Die läuft gut“, haben wir unseren Job gut gemacht.
Robin: Einige Fehlerbilder zeigen sich eben erst bei längerer Laufzeit, zum Beispiel, weil Materialien sich abnutzen. Diese Arbeit an den Details ist herausfordernd. Manchmal muss man auch eine Nacht darüber schlafen und Ideen sammeln, wie man die kleinen Probleme beheben kann.

Macht dieser Prozess auch Spaß?
André: Ja, hin und wieder will man einfach alles „in die Ecke schmeißen“, aber es ist ein unheimliches Glücksgefühl, wenn man die Bandage in der Hand hält und weiß, dass sie jetzt auf dem Markt ist.
Dominique: Klar macht das Spaß. Das schönste Glücksgefühl ist, wenn die Maschinenlieferanten zu uns kommen und sagen: „Oh Gott, was macht ihr hier? Dass das geht, wundert mich!“
Robin: Und es ist einfach cool, diesen technischen Prozess zu sehen, den wir geschaffen haben. Das macht schon stolz.
Herzlichen Glückwunsch dazu! Wann wusstet ihr, dass das gut wird mit der neuen LumboTrain?
André: Nach dem ersten vergleichenden Tragetest. Das war das erste AHA, als wir gemerkt haben, dass alles, was wir uns in der Theorie ausgedacht haben, beim Endkunden funktioniert und im Tragetest als deutlich besser wahrgenommen wird. Das hat uns einen Push gegeben.
Robin: Wir haben ein Konzeptwerkzeug bauen lassen, bevor wir die teure Maschine bestellt haben. Als der Prozess darauf funktioniert hat, war ich überzeugt.
Welchen Stellenwert hat das Projekt für euch?
Robin: Für mich hat es einen Riesen-Stellenwert! Ich denke, dass wir zufrieden sein können, trotz einiger Stolpersteine. Wir haben keine größeren Denkfehler gemacht, gut zusammengearbeitet.
Dominique: Es war definitiv eines der anspruchsvollsten Projekte…
André: …weil wir komplett neue Wege gegangen sind. Da muss man einige überzeugen. Ich weiß noch, als wir zu unserer Idee mit Herrn Prof. Bauerfeind und Herrn Prof. Hess zusammensaßen, das war 2019. Wir haben einen der ersten Prototypen gezeigt. Die beiden sagten: „Das kann doch so nicht funktionieren!“ Es hat eine Weile gedauert, bis sie überzeugt waren. Dann konnten wir die nächsten Schritte gehen.
Zur Person:
André Beck, Leiter Entwicklung Orthopädie, arbeitet seit 13 Jahren bei Bauerfeind, wo er mit einem Praktikum im Produktmanagement startete. Nebenberuflich schreibt der Sportwissenschaftler Trainingspläne für Patienten und Athleten.
Dominique Panzer, Leiter Kunststoff & Werkzeug-/Modellbau, hat Holz- und Kunststofftechnik studiert und war acht Jahre lang Produktionsleiter in einem Holzbetrieb, bevor er 1994 zu Bauerfeind kam. Der Kleinwolschendorfer ist Experte für Materialien und Verarbeitungsprozesse.
Robin Wöllner, Mitarbeiter Kunststoff & Werkzeug-/Modellbau, hat Werkstofftechnik an der FH Jena studiert und arbeitet seit zehn Jahren bei Bauerfeind. Beim LumboTrain-Projekt war er maßgeblich an der Entwicklung der Sondermaschine beteiligt.